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Transiranische Eisenbahn – Mosaikstein im geopolitischen Wandel
Briefing 5/26

Hat die Transiranische Eisenbahn [1]im aktuellen Konflikt zwischen US-amerikanischen und israelischen Streitkräften und dem Iran schweren Schaden genommen? Fraglich, eher ja. Die zugänglichen Berichte sprechen von Schäden an 4 Eisenbahnbrücken und Eisenbahnlinien im Bereich Teheran – Karay und Teheran – Tabriz, Schäden, die aber erstaunlich schnell repariert werden konnten. Die berühmte UNESCO-geschützte Veresk Brücke soll aber von den Angriffen verschont geblieben sein. Jeder auch nur halbwegs moralische Mensch verurteilt den unsinnigen, von Israel angezettelten, jüngsten Angriffskrieg auf den Iran. Der Ausgang des Konflikts und seine geopolitischen Folgen sind immer noch unklar. Es ist aber damit zu rechnen, dass Israel nach einem drohenden Abzug US-amerikanischer Streitkräfte noch isolierter dastehen wird als vorher. Umringt von gestärkten Feinden in der Region und auf der ganzen Welt – werden expansive Offensiven Israels auf noch grösseren Widerstand stossen.

Die Transiranische Eisenbahn hat überlebt, sie wird in den bevorstehenden geopolitischen Korrekturen der nahöstlichen Landkarte eine wichtige Rolle spielen.

Col. Doug MacGregor zur aktuellen Lage[2]

Einer der m.E. profiliertesten Analysten des aktuellen Kriegsgeschehens ist Douglas MacGregor, ein ehemaliger Oberst der US-amerikanischen Streitkräfte im Irak-Krieg, auch ehemaliger Berater von Donald Trump in seiner ersten Amtszeit. Seit Beginn der Auseinandersetzungen verfolgt er das Geschehen als intimer Kenner der präsidialen Entourage nicht nur mit militärischem Sachverstand, sondern auch mit historischen Parallelen. Er prognostiziert folgendes:

  • USA/Israel haben den Krieg verloren. Das Dilemma, in welchem sich die Aggressoren befinden, lässt sich nur durch einen Rückzug lösen.
  • Je später dieser Rückzug erfolgt, umso grösser sind die Folgen für die Weltwirtschaft, insbesondere für die Länder, die prominent auf die Versorgung über die Strasse von Hormuz angewiesen sind, insbesondere China, das bislang 20% seiner Ölversorgung über diese Quelle abgewickelt hat.
  • Die Kontrolle über die Strasse von Hormuz wird der Iran nicht mehr hergeben. Er verfügt damit über einen wichtigen Hebel, um sich als dominante Macht in der Region zu etablieren. Zudem verstärkt er seine Rolle als Schutzmacht der von Israel angegriffenen bzw. bereits vollständig zerstörten Anrainergebiete.
  • Der neuartige Drohnenkrieg in der Region hat die Überlegenheit der Angreifer relativiert. Nautische Kräfte und eine drückende Luftüberlegenheit werden wertlos, wenn die Gegenseite mit gezielten Gegenschlägen die Versorgung der Weltwirtschaft mit Öl empfindlich stören kann. Angesichts der Verwundbarkeit der US-amerikanischen Präsenz in der Region, verkehrt sich ihre Rolle als Schutzmacht in ihr Gegenteil.
  • Die USA wird sich somit, wie in den zahlreichen vergangenen Auseinandersetzungen in der Region als de facto-Verlierermacht aus der Schlacht zurückziehen müssen, nun in diesem Fall mit unangenehmen Folgen für seinen Alliierten Israel. Israel wird fortan einem erstarkten Iran gegenüberstehen, der in Anspruch nimmt, die Region zu kontrollieren. Angriffe seitens der Aggressoren werden inskünftig immer mit für die Weltwirtschaft empfindlichen Gegenschlägen beantwortet werden. Mit dieser Konsequenz wird die israelische Aggression inskünftig leben müssen und noch stärker als bisher unter internationalen Druck geraten.
  • Fazit also: je länger die Strasse von Hormuz geschlossen bleibt, faktisch durch eine Blockade der USA, umso fataler sind die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Sollten die militärischen Angriffe gegen den Iran bzw. gegen die Anrainerstaaten Israels, Gaza, die West Banks und den Libanon anhalten wird es die Weltwirtschaft viel massiver spüren als bisher. Die Konfrontation der Opponenten wurde somit durch diesen selbstzerstörerischen Kriegszug verstärkt.

Die Transiranische Eisenbahn

Die Transiranische Eisenbahn verbindet den Persischen Golf über Teheran mit dem Kaspischen Meer und stellt eine wichtige Verbindung zwischen der Levante und den Anrainerstaaten des Kaspischen Meeres dar (Aserbaidschan, Kasachstan, Russland und Turkmenistan). Die Bahnlinie liegt heute im Einflussbereich der beiden Grossmächte Russland und China. Der persische Korridor ist seit dem ersten Weltkrieg ein wichtiger Zugang Russlands zur Seeverbindung in den pazifischen Raum. Für China stellt er einen wichtigen Teil der Landverbindung dar, die dereinst die Seidenstrasse mit der „Belt&Road- Initiative“ neu beleben soll.

Die Verbindung vom Persischen Golf an das Kaspische Meer war schon immer von strategischer Bedeutung. Lange bekämpften die Briten gegen das Russische Kaiserreich diese Verbindung, die den kolonialen Interessen von Britisch-Indien zuwiderlief. Nach dem ersten Weltkrieg war es dann so weit, die Linie konnte erbaut werden, auch als Folge von Sykes-Picot und einer neu skizzierten Landkarte des Nahen Ostens.

Die Transiranische Eisenbahn ist heute eine über 1400 m lange Bahnstrecke. Sie startet und endet auf Meereshöhe und muss dazwischen zwei Gebirge auf 2200 m.ü.M. überwinden. Für die Querung des Zagros Gebirges sind 139 Galerien und Tunnels auf einer Strecke von 51 km gebaut worden. Seit 2021 ist die Transiranische Eisenbahn UNESCO Weltkulturerbe.

Wie steht es um die Bahnlinie nach den jüngsten Luftangriffen auf den Iran? Trotz immer noch undurchsichtigen Lageberichten darf davon ausgegangen werden, dass die Transiranische Eisenbahn als wichtiges Nord-Süd Bahnsystem intakt blieb. Zwar wurden mindestens 10 Bahnstrecken und Brücken in verschiedenen Landesteilen beschädigt, sie konnten allerdings sehr rasch wieder in Betrieb genommen werden. Die spektakulären Viadukte und Gebirgsabschnitte der Bahn wurden bisher verschont.

Geopolitisches Fazit

Im Zusammenhang mit den sich abzeichnenden neuen Kräfteverhältnissen im Nahen Osten stellt sich die Frage, welche Rolle dem persischen Korridor inskünftig zukommen wird. Im Vordergrund stehen dabei logistische Fragen des Aussenhandels des Irans. Bekanntlich gilt der Persische Golf als wichtige Exportregion für Rohöl, Flüssigerdgas, Erdölderivate, Petrochemische Produkte, Agrarprodukte, Düngemittel u.a.m. Diese Produkte sind wichtige Rohstoffe für die verarbeitende Industrie. Das Schädigungspotenzial einer permanenten Schliessung dieser Bezugsquelle ist entsprechend gross. Um die Produktion im Iran aufrecht zu erhalten und gleichzeitig die Ausfuhren über die Strasse von Hormuz zu kontrollieren, braucht es somit eine Ausweichroute. Was liegt da näher als der persische Korridor? Die Achse Iran-Russland-China könnte über diese Bahnlinie eine prioritäre strategische Bedeutung erhalten. Um die Industrie im gesamten Persischen Golf am Laufen zu halten könnten alle Golfstaaten dieses Ventil nutzen und drohende Probleme einer Überproduktion bzw. erzwungenen Blockade umgehen.

Im Moment ist die Strasse von Hormuz geschlossen, wie lange dieser Zustand anhält ist ungewiss. Grosse Verwerfungen der Weltwirtschaft sind sehr wahrscheinlich, in nur wenigen Wochen oder Monaten.

PS.

In der Zwischenzeit fand der G7-Gipfel von Evian statt, man ist geneigt zu sagen, die „Party der lahmen Enten“. In unterwürfiger Manier verneigen sich die hilflosen Vertreter der alten Welt vor einer verwerflichen Figur namens Donald Trump, der sich mit einem „Deal“ brüstet, der de facto eine totale Niederlage der Aggressoren dokumentiert. Der Anlass bringt die beängstigende Schwäche Europas zum Ausdruck, die haltlose Arroganz der USA, und im Hintergrund die ungewisse Zukunft eines von Israel kolonialisierten Nahen Ostens.

Der Ausgang des jüngsten Waffenganges hat zum Untergang von Sykes Picot geführt. Die nach dem 1. Weltkrieg von den Briten und Franzosen auf einem Notizblock skizzierte Nahe Osten ist tot. Der einzige Staat mit einer jahrtausendalten Prägung, Iran, früher Persien lässt sich auch nicht von den stärksten Armeen eliminieren. Im Gegenteil: ihr unsinniger Angriff hat die Stärke Irans und den Trumpf der Strasse von Hormuz erst recht geschaffen. Dieser Befund wird die Rolle Irans als Schild gegen den grassierenden Kolonialismus Israels, der auch vor einem Genozid in Gaza, illegaler Landnahme in den West Banks und vor Massenvertreibung im Südlibanon nicht zurückschreckt noch stärker als bisher zum Ausdruck bringen.  Sollte sich die USA aus dem Nahen Osten zurückziehen (müssen), aus welchen Gründen auch immer, werden die Karten neu gemischt.

Seengen, 10. Juni 2026

Bertrand Barbey, Dr.oec. HSG, lic.iur.
bertrand.barbey@railoeb.ch


[1] Im Bild eine 1’E von Henschel, die 1941 den Persischen Korridor bediente, die Wasserversorgung für die vielen Dampflokomotiven im steilen Gelände stand stets kurz vor dem Kollaps. 2015 erfolgte eine erste Etappe der Elektrifizierung, von Russland finanziert, die leider 2018 abgebrochen wurde, aus Gründen, die u.a. mit US-amerikanischen Sanktionen zu tun haben (Wikipedia «Transiranische Eisenbahn»).
Der aktuelle Zustand der Bahnlinie muss somit heute als stark renovationsbedürftig bezeichnet werden.

[2] Tägliche Analysen auf  youtube.com, vgl. auch Wikipedia «Douglas MacGregor»

Briefing 5_26