Der Libanon als Sonderfall –
Orientalismus aus aktueller Sicht
Einleitung
Ich habe den Bürgerkrieg im Libanon 1976 mit eigenen Augen als Delegierter des IKRK miterlebt und möchte auf diese Erfahrung in unserem Seminar „Orientalismus im 19. und 20. Jahrhundert“ zurückgreifen und versuchen, eine Verbindung zum Unterrichtsstoff herzustellen (USI, L’Oriente nella cultura europea e italiana XIX e XX secolo). Diese Zielsetzung erscheint schwierig, da sich der Libanon als ein, im Gefolge des Vertrages von Sykes-Picot 1920 entstandenes, typisch westliches Konstrukt präsentiert, das sich aufgrund seiner starken christlichen Prägung mit einem Bevölkerungsanteil von 40% (Maroniten, griechisch-orthodoxe, griechisch-katholische und andere Christen) [1]von seinen unmittelbaren Nachbarn Israel, Syrien und Jordanien und allen übrigen mittelbaren Nachbarstaaten (Irak, Iran, Ägypten, Jemen usw.) unterscheidet. Als konstruiertes Gebilde, das durchaus Ansätze aufweist, westlichen Vorstellungen eines gelungenen „state building“ zu entsprechen: multireligiös und trotzdem eingebettet in ein demokratisches System, wirtschaftlich in das westliche Finanzsystem eingebunden, starke Handelstradition, in grossen Teilen weltoffen für eine westliche, von Frankreich geprägte Kultur.
Mit Blick auf die Gegenwart ist diese Übung allerdings kolossal gescheitert. Der südlich angrenzende „Westen“ in der Form Israels war seit seiner Gründung 1948 nicht im Stande, westliche Werte wie jene, die in der UNO-Charta für Menschenrechte[2] verankert sind auf fruchtbare Weise zu exportieren. Das Gegenteil ist der Fall: exportiert wurden nur Krieg und Chaos und heute steht der Libanon wie auch der ganze Nahe Osten vor einer erneuten Zerreissprobe.
Nachstehend soll deshalb versucht werden, dem gescheiterten „state building“ im Libanon trotz günstiger Voraussetzungen auf den Grund zu gehen. Neben dem fatalen Hauptgrund dieser Entwicklung, dem Entscheid, den Staat Israel 1947/48 ohne Rücksicht auf Besitzverhältnisse bestehender Gemeinschaften zu gründen, den daraus folgenden, seit 1948 wiederholten Kriegszügen (1956, 1967, 1973, 1982, etc. bis 2026) sind auch Gründe, die der Orientalismus als Disziplin bereitstellt, eingehend zu würdigen.
Der Libanon im Laufe der Jahrhunderte
Im Werk von Eduard Said über den Orientalismus findet sich eingangs folgendes Zitat:
„Während des entsetzlichen Bürgerkriegs von 1975/76 hatte ein französischer Journalist Beirut besucht und von dort wehmütig über eine ausgebrannte Innenstadt berichtet, die einst direkt dem Orient Châteaubriands und Nervals entnommen schien. Diese literarische Reminiszenz passt durchaus, zumal aus der Sicht eines Europäers: War doch der Orient fast eine europäische Erfindung und hatte seit der Antike als ein Märchenland voller exotischer Wesen gegolten, das im Reisenden betörende Erinnerungen an traumhafte Landschaften und eindringliche Erlebnisse hinterliess“.[3]
Châteaubriand gilt als einer der prägenden Reiseschriftsteller der 19. Jahrhunderts. Seine Reiseroute von Paris nach Jerusalem via Anatolien hat ihn 1806 fraglos auch ins Gebiet des heutigen Libanons geführt. Das „Märchenland voller exotischer Wesen“, traumhafte Landschaften“ und „eindringliche Erlebnisse“ sind Mosaiksteine einer damals erlebbaren bzw. erlebten Realität. Sie prägten lange unsere Vorstellung von einem geheimnisvollen Orient, ja sie prägen sie noch heute mit einer gewissen Nostalgie, eingedenk der Tatsache, dass sie endgültig untergegangen sind. [4]
Wir stellen uns somit einen historischen Libanon so vor wie ihn die Reiseschriftsteller erlebt haben. Das osmanische, vom Islam geprägte Imperium nimmt seinen Anfang nach der Schlacht von Jarmuk 636 n.Chr., einer Schlacht ganz in der Nähe des heutigen Libanons im Süden der Golanhöhen, breitet sich danach in den weitgehend christlich geprägten Gebieten des oströmischen Reiches aus bis zum Zeitpunkt, an dem der gesamte Mittelmeerraum inkl. Teile Spaniens unter osmanischer Herrschaft waren. Die christliche Bevölkerung dieser Gebiete wurde gezwungen, zum Islam überzutreten[5]. Im libanesischen Bergland des 16./17. Jahrhunderts konnten sich offenbar Christen halten. Das 1517 entstandene Emirat Libanonberg unter der Herrschaft des drusischen Geschlechts der Ma’n-Dynastie[6], erhielt von der osmanischen Obrigkeit offizielle Ämter, wie z.B. die Steuerpacht, d.h. die Vergabe der Steuerhoheit an Private, die damit Teil des osmanischen Systems wurden. Die mit dem Papst unierten Maroniten vergrösserten ihr Einflussgebiet stetig, unterhielten auch Beziehungen zum Grossherzogtum Toskana (Fachreddin II, zum Christentum konvertierter Drusenchef) und wurden im Libanon neben den Drusen zur dominierenden Bevölkerungsgruppe. Wir stellen also fest: im Libanon konnten sich nicht nur neue und eigenständige Religionen entwickeln, auch das vom Osmanischen Reich überwundene und verdrängte Christentum erlebte hier eine Art Renaissance.
1920 wurde der Libanon von Frankreich als Mandat übernommen, zusammen mit Syrien, der Rest des Nahen Ostens ging an die Engländer. Die Karte in Anhang 2 zeigt den Zerfall des Osmanischen Reiches im frühen 20. Jahrhundert.
Als sich ein maronitischer Bauernaufstand 1858 zu einem Bürgerkrieg mit Massakern an Christen bis hin nach Damaskus ausweitete, intervenierte 1860 die französische Armee. Der politische Vorläufer des unabhängigen Staates Libanon wurde eine von 1861 bis 1915 innerhalb des Osmanischen Reiches von einem christlichen Gouverneur, der aber nicht aus dem Libanon stammen durfte, geführte autonome Provinz, Mutesarriflik Lebanonberg, die sich mit französischen Wirtschaftsinvestitionen zu einem wichtigen Handels- und Bankenzentrum des Nahen Ostens entwickelte und europäischen Mächten half, im Osmanischen Reich Fuß zu fassen und eigene politische und ökonomische Interessen in der Region zu verfolgen.
Zwischenfazit: aufgrund seiner eigenen Geschichte innerhalb des osmanischen Reiches mit zwei dominierenden Gruppierungen, Maroniten und Drusen, letztere mit Wurzeln im schiitischen Islam sind die Entwicklungen im Libanon vorgezeichnet. Bürgerkriege, von machthungrigen Christen angezettelt, Drusen als das mit den Schiiten genetisch verbundene Gegengewicht, Ursprung eines modernen Libanons, geprägt von internen Konflikten und Gruppierungen, die auf internationale Netzwerke ansprechen (Hisbollah) und ein hilfloser kolonialer Einfluss Frankreichs, der kaum zur Festigung des Staates und seiner Institutionen beiträgt.
Der Libanon heute – Flickwerk ohne Zukunft?
Wie soll sich der Libanon als hier vertretener „Sonderfall der arabischen Welt“ in Zukunft weiterentwickeln? Hat er überhaupt eine Zukunft? Welche Verbindungen existieren zwischen dem Status quo dieses Landes und den Erkenntnissen des Orientalismus als Zweig der Kulturgeschichtsschreibung?
Die aufschlussreichen Spuren zurück in das Fremdbild des „Orients“, das sich der Okzident seit der Antike vom Morgenland geschaffen hat – im Kern das Forschungsobjekt des Orientalismus – zeigen auf vielfältige Weise eines: das Bild von negativ konnotierten, geheimnisvollen, von eigenen Sehnsüchten durchdrungenen, vom Westen missver-standenen, stark zersplitterten, nationalem Denken oft unzugänglichen Gemeinschaften, die weiter zu kolonialisieren sind. Waren es früher die klassischen Konolialstaaten England und Frankreich, so sind es heute die USA und stellvertretend Israel.
Der Libanon war eine Zeit lang auf einem guten Weg der Emanzipation. Mit dem Sykes-Picot Abkommen von 1916 war eine Entwicklung unter französischem Einfluss vorgezeichnet, die durch die christliche Führungsschicht stark westlich und französisch geprägt war und lange Zeit zu stabilen und ökonomischen Verhältnissen führte (Stichworte „Beirut, Paris des Nahen Ostens“, Libanon, Schweiz des Nahen Ostens“). Diese Erwartungen wurden allerdings durch den Kriegszustand mit Israel, in welchem sich der libanesische Staat seit 1948 bis zum heutigen Tag befindet, stark getrübt. Aus dem „Sonderfall“ Libanon mit guten Voraussetzungen für ein westlich geprägtes „state building“ wurde sein blankes Gegenteil.
Die zionistische Expansion als Hauptursache des seit 1975 andauernden Bürgerkrieges im Libanon, der iranisch-schiitische Widerstand im Süden des Libanons schaffen eine Konfliktlinie, die wenig Hoffnung auf stabile künftige Verhältnisse schafft. Wie auch immer der gegenwärtige, qualitativ einmalige Nahostkonflikt ausgeht, eines ist sicher, die Grenzen von Sykes-Picot gehören der Vergangenheit an. Israel wird nach dem derzeitigen Waffengang seine Träume eines Gross-Israels, wie sie im Buch Genesis 15, 18-21 beschrieben sind endgültig begraben müssen. Unter dem Diktat eines gestärkten, von China und Russland unterstützten Irans, eines Irans an den Hebeln der Weltversorgung mit Öl, Düngemitteln, Pharma-Grundstoffen etc. werden wohl auch die Landkarten des Orients neu gezeichnet werden. Die Verlierer Israel und USA werden dabei Einfluss, Macht und Territorien preisgeben müssen. Das Orient-Fremdbild des Westens wird sich in der Folge massiv ändern, die Hegemonie des Westens wird schrumpfen, solange vom Iran eine weltwirtschaftliche Drohung ausgeht und anhält. Orientalismus als Disziplin wird neue Wege gehen müssen.[7]
Seengen/Lugano, 28.04.202
[1] Pierre Vallaud, Le Liban au bout du fusil, S. 52, Hachette 1976, siehe auch Anhang 1, Konfessionen im Libanon (Quelle Wikipedia)
[2] Interessanterweise zeitgleich am 10.12.1948 verkündet
[3] Edward Said, Orientalismus, Frankfurt a.M. 2009, S. 9
[4] J.W. Goethe, West-östlicher Divan, ich wage mich zurzeit an dieses Werk heran und entdecke genau dieses Cliché des Orients, das schon Goethe meisterhaft beschrieben hat.
[5] Markus Somm, Haben die Christen die Muslime massakriert und vertreiben – oder war es umgekehrt? Nebelspalter, 1.4.26
[6] Drusen gelten als Monotheisten, als ethnisch-religiöse Gemeinschaft, die im 11. Jahrhundert als Abspaltung vom ismailitischen Islam entstanden ist. Ihr Ursprung geht aus dem schiitischen Islam hervor, Wikipedia, 2026
[7] Col. Douglas MacGregor, https://de.wikipedia.org/wiki/Douglas_Macgregor; ich erachte diese Informationsquelle als äusserst informativ und kompetent. MacGregor geht davon aus, dass die US-Hegemonie im Nahen Osten schrumpfen oder gar enden wird, solange vom Iran eine signifikante und akute weltwirtschaftliche Drohung ausgeht und anhält. Verstärkt wird diese Entwicklung durch die drohende, wenn nicht fatale Isolation des Staates Israel in einer antizionistischen arabischen Welt.
Hier der bei Prof. Federica Frediani erarbeitete Beitrag, Fach: Orientalismus 19./20. Jahrhundert
